Präkolumbianische Stätten der Amerikas: ein kontinentaler Überblick
Die präkolumbianischen Amerikas umfassten eine außerordentliche Vielfalt: mesoamerikanische Zivilisationen mit Monumentalarchitektur, Schriftsystemen und mathematischer Astronomie; andine Staaten, die ein riesiges Reich mit Quipus und einem ausgebauten Straßennetz ohne Schrift verwalteten; nordamerikanische Mound-Builder am Mississippi, die bereits um 900 n. Chr. urbane Zentren errichteten; und amazonische Gesellschaften, die mit „terra preta" eine dunkle, fruchtbare Bodensorte erfanden, die das Ökosystem des Waldes veränderte. Diese zehn Stätten geben einen kontinentalen Querschnitt durch dieses Erbe.
1. Teotihuacán, Bundesstaat Mexiko, Mexiko
Teotihuacán, 50 Kilometer nordöstlich von Mexiko-Stadt, war zur Blütezeit zwischen etwa 100 und 550 n. Chr. die größte Stadt der präkolumbianischen Welt und eine der größten Städte überhaupt — mit geschätzten 100.000 bis 200.000 Einwohnern. Die Anlage folgt einem strengen Raster entlang der zwei Kilometer langen Calzada de los Muertos. Die Sonnenpyramide (65 Meter hoch) und die Mondpyramide bilden das nördliche Ende; der Quetzalcoatl-Tempel in der Ciudadela das südliche. Sprache, Ethnie und politische Verfassung der Erbauer sind bis heute unklar. Ein 2003 entdeckter Tunnel unter dem Quetzalcoatl-Tempel hat außergewöhnliche Opfergaben hervorgebracht. UNESCO-Welterbe seit 1987.
2. Tikal, Petén, Guatemala
Tikal war zwischen etwa 250 und 900 n. Chr. eines der dominierenden Zentren der klassischen Maya — mit geschätzt 90.000 Einwohnern auf dem Höhepunkt. Die sechs großen Tempelpyramiden, die das Kronendach des Regenwaldes überragen, gehören zu den meistfotografierten Monumenten Amerikas: Tempel I (Tempel des Großen Jaguars) und Tempel II stehen sich an der Großen Plaza gegenüber, Tempel IV ist mit 65 Metern die höchste präkolumbianische Struktur Amerikas. Tikal kontrollierte Handelswege durch das Maya-Tiefland und führte langwierige Kriege gegen den Rivalen Calakmul. Heute liegt die Anlage im Tikal-Nationalpark; Tukane, Klammeraffen und Nasenbären gehören zur morgendlichen Tour dazu. UNESCO-Welterbe seit 1979.
3. Machu Picchu, Region Cusco, Peru
Der königliche Landsitz und das Zeremonialzentrum des Inka-Herrschers Pachacutec, in der Mitte des 15. Jahrhunderts auf 2.430 Metern Höhe in den Anden erbaut, ist die besterhaltene Inka-Anlage der Welt. Die landwirtschaftlichen Terrassen, die fein gefügte Trockenmauerwerkstechnik, der Sonnentempel mit seinen Sonnenstands-Ausrichtungen und die städtebauliche Einbettung in den Gebirgskamm sind im Inka-Reich ohne Parallele. Die täglichen Besucherzahlen sind kontingentiert; die Anreise erfolgt mit dem Zug von Cusco oder Ollantaytambo. UNESCO-Welterbe.
4. Chichén Itzá, Yucatán, Mexiko
Die Maya-Tolteken-Stadt Chichén Itzá war zwischen etwa 900 und 1200 n. Chr. die beherrschende Macht im nördlichen Maya-Tiefland. El Castillo, die Pyramide des Kukulkán, ist so angelegt, dass die untergehende Sonne zur Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche einen Schlangenschatten an der Balustrade entstehen lässt — das ikonische Monument der Anlage. Das größte mesoamerikanische Ballspielfeld, der Kriegertempel und der Heilige Cenote, in den Opfergaben und Geopferte gestürzt wurden, vervollständigen die Hauptmonumente. UNESCO-Welterbe; erreichbar von Mérida oder Cancún.
5. Cahokia, Illinois, USA
Cahokia, im American Bottom östlich des heutigen St. Louis, war mit 10.000 bis 20.000 Einwohnern um 1050 bis 1200 n. Chr. die größte präkolumbianische Stadt nördlich von Mexiko. Die Anlage umfasst über 100 Erdhügel; der größte, Monks Mound, ist 30 Meter hoch und hat eine größere Grundfläche als die Cheopspyramide. Cahokia war das Zentrum der Mississippi-Kultur und beherrschte ein Handelsnetz, das bis an den Golf, in die Großen Seen und in die Rocky Mountains reichte. Der Niedergang vor europäischem Kontakt wird kontrovers diskutiert — Klimaverschlechterung, politische Zersplitterung, Bodendegradation. UNESCO-Welterbe seit 1982.
6. Chaco Canyon, New Mexico, USA
Die Great Houses des Chaco Canyon — allen voran Pueblo Bonito, der größte prähistorische Bau Nordamerikas — repräsentieren den architektonischen Höhepunkt der Ancestral Pueblo zwischen etwa 850 und 1150 n. Chr. Pueblo Bonito umfasst über 650 Räume in einem D-förmigen Grundriss, bis zu vier Stockwerke hoch, aus präzise zugehauenem Sandstein gefügt. Das Chaco-System erstreckte sich über etwa 60.000 Quadratkilometer mit Außenposten, die durch ein gebautes Straßennetz mit dem Canyon verbunden waren. Um 1150 n. Chr. wurde Chaco wahrscheinlich infolge einer Megadürre aufgegeben. UNESCO-Welterbe; vom Visitor Center bei Nageezi erreichbar; Sternenhimmel-Programme im Dark-Sky-Reservat.
7. Poverty Point, Louisiana, USA
Poverty Point am Bayou Macon im Nordosten Louisianas ist die eindrucksvollste Erdwerkanlage der archaischen Periode Nordamerikas — errichtet vor rund 3.500 bis 3.800 Jahren von Jäger-Sammler-Gemeinschaften, nicht von Ackerbauern. Sechs konzentrische, C-förmige Erddämme umschließen einen Platz; an einem Ende steht ein 21 Meter hoher Erdhügel in Vogelgestalt (Mound A). Der Aufwand des Baus und die Dichte exotischer Tauschgüter — Steinmaterial aus bis zu 1.500 Kilometer Entfernung — verweisen auf eine soziale Organisation, die man dem archaischen Jäger-Sammler-Stadium früher nicht zugetraut hat. UNESCO-Welterbe mit Besucherzentrum.
8. Mesa Verde, Colorado, USA
Die Felsenwohnungen von Mesa Verde, von den Ancestral Pueblo zwischen etwa 1150 und 1300 n. Chr. in Sandsteinüberhänge der Canyonwände gebaut, gehören zu den optisch eindrucksvollsten archäologischen Stätten Nordamerikas. Cliff Palace, die größte Felsenwohnung Nordamerikas mit 150 Räumen und 23 Kivas (zeremoniellen Kammern), wurde um 1300 aufgegeben. Mesa Verde gehört seit 1978 zum ersten UNESCO-Welterbe der USA. Der Zugang erfolgt von Cortez aus; Führungen durch Cliff Palace sind buchungspflichtig.
9. El Mirador, Petén, Guatemala
El Mirador, tief im Petén-Dschungel an der mexikanischen Grenze, ist die nach Fläche größte bekannte Maya-Anlage und beherbergt mit der La-Danta-Pyramide (72 Meter) die nach Volumen größte Pyramide der Welt. El Mirador war im präklassischen Maya-Zeitalter (etwa 300 v. Chr. bis 150 n. Chr.) besiedelt und steht für die erste urbane Blüte der Maya vor den klassischen Zentren. Der Zugang ist beschwerlich — zwei bis fünf Tage Marsch durch den Urwald von Carmelita aus —, was die Anlage einerseits vor dem Massentourismus bewahrt, andererseits aber auch die Forschung erschwert. Die Karte führt El Mirador unter Guatemalas Hauptanlagen.
10. Chan Chan, La Libertad, Peru
Chan Chan bei Trujillo an der peruanischen Küste war zwischen etwa 900 und 1470 n. Chr. die Hauptstadt des Chimú-Reiches und mit 20 Quadratkilometern die größte präkolumbianische Stadt Südamerikas. Der Kern besteht aus neun königlichen Palastbezirken (Ciudadelas), die nacheinander von den Chimú-Königen errichtet wurden, jeweils mit Speicheranlagen, Wohnvierteln, Audienzhallen und der Grabplattform des Königs. Die Lehmziegelmauern sind mit aufwendigen Reliefs von Meerestieren, geometrischen Mustern und mythologischen Figuren verziert. Um 1470 wurde Chan Chan von den Inka erobert. UNESCO-Welterbe; erreichbar von Trujillo.